Die Wanderschaft


Traditionell gingen die jungen Handwerksgesellen nach der Lehre auf die Wanderschaft - so, wie heute noch öfter Gesellen der Bauhandwerke, vor allem Zimmerleute und Steinmetze.

Die Gesellen nahmen bei fremden Meistern Arbeit an, verdienten sich Geld und zogen dann weiter zur nächsten Arbeitsstelle. Durch besondere Kleidung und genau festgelegte Regeln bei der Nachfrage um Arbeit waren sie als wirkliche Gesellen zu erkennen. Handwerkerherbergen, die von den Zünften eingerichtet wurden, gaben Gelegenheit zum Übernachten, auch wenn man keine Arbeit gefunden hatte. Manchmal mußte der Geselle natürlich auch betteln. Die Vorschriften für die Dauer der Wanderschaft waren für die einzelnen Handwerke unterschiedlich - in der Regel mußte sie drei Jahre und einen Tag dauern.

Es gibt drei Gründe für diesen Brauch:
 
  • Einer ist, daß es zu jener Zeit kaum Fachbücher und keine Fachzeitschriften gab. Wer also wissen wollte, wie in anderen Gegenden das Handwerk ausgeübt wurde und welche Techniken es dort gab, mußte schon selber hingehen. Dabei brachte er gleichzeitig die technischen Kenntnisse aus seiner Heimat dorthin.
  • Der zweite Grund war der Wunsch der etablierten Meister, die Konkurrenz zu verringern - viele Gesellen überlebten die Wanderschaft einfach nicht, weil sie an Krankheiten oder durch Unfälle starben, manche gingen zu den Soldaten oder nahmen eine andere Tätigkeit auf - und manche waren sogar so glücklich, in der Fremde Meisters Töchterlein kennenzulernen und sich einen eigenen Betrieb zu erheiraten.
  • Der dritte Grund war schließlich ein allgemeiner Qualifikationszuwachs - wer auf der Wanderschaft gewesen war und sie erfolgreich beendet hatte, hatte "die Welt gesehen", er hatte sich im Umgang mit verschiedensten Menschen bewährt, er hatte Schwierigkeiten gemeistert und sich "die Hörner abgestoßen".



Zwei Links zu diesem Thema ...
 
Pin  Rechtschaffene auf Wanderschaft
Die Webseite einer wandernden Gesellenvereinigung
Pin  Wadauer - Disziplinen der Wanderschaft
Eine wissenschaftliche Untersuchung über die Gesellenwanderung früher
Die Links öffnen sich in einem neuen Fenster!

... und ein Bericht aus der Braunschweiger Zeitung:
 

Pin  Mit dem "Charlottenburger" auf der Walz



Heinrich ist bei Abschluß der Lehre noch nicht 18, seine "Wanderschaft" führt ihn deshalb zunächst nur nach Braunschweig zu Hofschmied Müller auf der Schöppenstedter Straße. Dort arbeitet er ein Jahr. Sicher ist Müller nicht der schlechteste Betrieb, bei dem ein Geselle anfangen kann - der Hofschmied beschlägt die Pferde des herzoglichen Marstalls und kümmert sich um den Wagenpark des Herzogs (damals Herzog Wilhelm).

1861 erhält Heinrich Büssing sein Wanderbuch:
 
Wanderbuch
Herzogthum Braunschweig

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Wanderbuch

für

den Schmiede=Gesellen
Johann Heinrich Friedrich
Wilhelm Büssing
aus Nordsteimke

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(NB. Gegenwärtiges Wanderbuch vertritt nach Vorschrift der hiesigen Gilde-Ordnung die Stelle eine Passes und gewöhnlicher Kundschaft).
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Zwei und dreißig Blätter enthaltend.
Mit der Blätterzahl bedruckt.
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Signalement umstehend.
Das Wanderbuch hat zwei Funktionen. Zunächst dient es als Reisepaß - schließlich hält sich Büssing auf seiner Wanderschaft in einem runden Dutzend verschiedener Staaten auf, ein einheitliches Deutsches Reich gibt es damals noch nicht.

Dann "vertritt es die Stelle gewöhnlicher Kundschaft" ... "Kundschaft" ist eine bestimmte Abfolge von Fragen und Antworten, die der Geselle aufsagen muß, wenn er bei einem Meister um Arbeit nachfragt. Diese Sprüche werden von den einzelnen Handwerken geheim gehalten, damit nicht jemand z.B. um Arbeit als Schmied nachfragen kann, der gar keiner ist. Anstelle der "Kundschaft" (die aber aus Tradtionsgründen weiter beibehalten wird) kann der fremde Geselle jetzt das Wanderbuch vorlegen, daß ihn als Angehörigen des betreffenden Handwerks ausweist.

Das Wanderbuch ist also ein doppelter Ausweis - deswegen enhält es ein Signalement, eine Personenbeschreibung. Paßbilder gibt es zu dieser Zeit noch nicht!
Beschreibung der Person:

Name Johann Heinrich Friedrich Wilhelm Büssing
gebürtig aus Nordsteimke
wohnhaft zu
Alter 18 Jahre
Größe 5 Fuß 6 1/2 Zoll (ca.1,67)
Haare dunkelblond
Stirn bedeckt
Augenbraunen dunkelblond
Augen blau
Nase stumpf
Mund gewöhnlich
Bart -
Kinn 
Gesich länglich
Gesichtsfarbe gesund
Statur schlank
Besondere Kennzeichen keine

Unterschrift des Inhabers:
H. Büssing

Signalement

Büssings Reise führt ihn nach  Hannover, Bremen, Hamburg, Berlin, Leipzig, Dresden, Chemnitz, München, Basel, Gießen und wieder nach Hause, dauert aber nur relativ kurz, weil er in München schon den Eindruck hat, genug in der Weltgeschichte herumgestreift zu sein.

Wanderschaft
Hannover (Eggestorf - später Hanomag), Berlin (Borsig), Chemnitz (Hartmann) und München (Maffai) sind damals die Zentren des deutschen Lokomotivbaus, außerdem hat Büssing die Götzschtalbrücke im Vogtland besucht und in Lesum bei Bremen tatsächlich beim Eisenbahnbau gearbeitet.

Die Wanderschaft hat also zwei der drei oben genannten Erwartungen erfüllt. Büssing hat in anderen Gegenden Deutschlands garbetiet und sicher andere Arbeitsweisen, Werkzeuge usw. kennengelernt. Vor allem hat er aber gesehen, welche zukünftige Entwicklung das Metallgewerbe in Eisenbahn- und Maschinenbau nehmen wird.


Lion
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