BUESSING
Der erste Kraftpost-Omnibuslinie


Oft wird behauptet, die Linie Wendeburg-Braunschweig sei die älteste Buslinie der Welt, das war aber die von Siegen über Netphen nach Deuz im Rheinland, auf der Carl Benz seinen schon erwähnten Omnibus von 1895 betrieb. Da diese Linie aber später geschlossen wurde, kann heute, wer von Wendeburg nach Braunschweig (oder umgekehrt) mit dem Bus fährt, für sich in Anspruch nehmen, die älteste heute noch bestehende Buslinie der Welt zu benutzen.

Warum verläuft die Linie von Wendeburg nach Braunschweig und nicht in anderer Richtung? Der Pastor von Wendeburg, Otto Hayder, ist ein dem wirtschaftlichen und technischen Fortschritt zugewandter Mann, und er möchte diesen Fortschritt auch seinen Wendeburgern und den Menschen in seinen Pfarrdörfern zukommen lassen. Wendeburg hat keinen Eisenbahnanschluß, es verkehrt lediglich einmal am Tag ein Fuhrwerk nach Braunschweig, das der Kaufmann Friedrich-Wilhelm Taeger betreibt und das auch die Post besorgt. Wer also keinen eigenen Wagen hat, muß, wenn er nach Braunschweig will, zu Fuß gehen.

Hayder spricht Max Jüdel, Büssings ehemaligen Compagnon an, und der bringt eines Tages den Pastor und Büssing zusammen. Nach Aussage von Hayders Tochter Margarethe drängt Jüdel dabei: "Büssing, so machen Sie da doch was!" Das Gespräch bringt Büssing auf den Gedanken, seinen neuen Bus zuerst auf dieser Strecke einzusetzen.
 
Einweihung
Einweihung der Buslinie im Juni 1904

Der regelmäßige Fahrbetrieb wird  - laut Fahrplan - schon im April 1904 aufgenommen

Über die Probefahrten wird berichtet:
 
"Bei schönstem Sommerwetter wurde am Freitag, 3. Juni 1904, eine Probefahrt gemacht. Vom Betriebshof, zwischen dem Haus Wendenstraße 5 und der Markthalle in Braunschweig, ging es im Tempo über den Werder zum Wollmarkt hin. Passanten blieben überall stehen und sahen dem Bus, von Chauffeur Großmann gefahren, mit Erstaunen nach. Bei dieser ersten Fahrt traf der Bus nach 43 Minuten in Wendeburg beim Denkmal ein. (Damals befand sich dort das Kriegerdenkmal 1870/71 - seit 1960 südlich der Kirche aufgestellt - an der Ecke Braunschweiger Straße/Schulstraße, dort steht heute das in diesem Beitrag behandelte Denkmal.) Pastor Hayder hielt eine Ansprache, in der seine Freude über die nun zustandegekommene Fahrgelegenheit ausdrückte. Zum Schluß seiner Worte ließ er Heinrich Büssing hochleben.
Von Wendeburg aus führten am Nachmittag noch Probefahrten nach Sophiental und nach Groß Schwülper. Auf der Rückfahrt am späten Nachmittag wurde in Bortfeld angehalten. Pastor Hermann Feuerriegel betonte in seiner Rede, daß gerade Bortfeld das meiste Interesse an der neuen Linie gehabt habe. Probefahrten nach Wedtlenstedt und Lamme füllten den Tag bis zur abendlichen Heimkehr nach Braunschweig aus."

Büssing wäre nicht Büssing, wenn er nicht auch hier Perfektion anstreben würde: Der Bus soll so zuverlässig und pünktlich sein wie die Eisenbahn. Deswegen wird der Wagen zunächst nicht verkauft, sondern Büssing läßt ihn auf eigene Rechnung laufen. Der Chauffeur Großmann ist bei Büssing angestellt, während der Pausen am Tage kann das Fahrzeug in der Büssing-Fabrik gewartet werden und ist unter beständiger Überwachung, was natürlich der Zuverlässigkeit dient.
 
Wartung
Wartung der Busse auf dem Büssing-Betriebsgelände

Der Betrieb beginnt im April 1904 mit täglich 6 Fahrten, die Linie wird im Juni desselben Jahres offiziell eröffnet. Der Bus macht vormittags zwei Touren nach Braunschweig und nachmittags zwei Touren in umgekehrter Richtung (natürlich mit jeweiligen Rückfahrten). Abends um 9 Uhr ist er dann wieder in Wendeburg. Fahrer und Fahrzeug übernachten in Zweidorf.

Fahrplan

Der "Wendeburger Bus" bleibt immer auf seiner Stammlinie, zeitweise wird noch ein zusätzliches Fahrzeug eingesetzt. Dieser zweite Bus ist auf dem Bild unten zu sehen - er hat eine andere Motorhaube und den Einstieg in den hinteren Fahrgastraum auch seitlich.

Zweiter Bus
Und bald zeigt sich der erste Erfolg der Zuverlässigkeit - am 1. September 1904 schließt die Reichspost mit Büssing einen Vetrag über die Beföderung von Postgut mit dem Bus.
Zu diesem Zweck wird unter dem Fahrersitz ein verschließbarer Kasten angebracht, der gleichzeitig als rollender Briefkasten dient. Die Farbe des Kastens stimmt schon - damals war die Post nicht gelb, sondern blau. 
Postkasten

Der Fahrer erhält zudem eine Armbinde mit dem Abzeichen der Reichspost. Das ist natürlich auch ein schöner Werbegag.

Kraftpost
Solange es Büssing gab und solange es die Kraftpost gab, wurde die alte Beziehung zwischen beiden Unternehmen auch in der aktuellen Werbung nicht verschwiegen !

Der Legende nach kann das den Dorfpolizisten von Ölper, das der Bus durchqueren muß, allerdings nicht beeindrucken. Solange der Bus fährt, versucht er immer und immer wieder, den Busfahrer mit Strafen für zu schnelles Fahren und andere Ordnungswidrigkeiten zu schikanieren - ohne damit allerdings den Siegeszug der Omnibusse aufhalten zu können.



Viele Informationen auf dieser Seite verdanke ich dem Ortsheimatpfleger von Wendeburg, Herrn Rolf Ahlers,
dem für sein Interese und seine Hilfe herzlich gedankt sei!


 
Bus klein Das Jubiläum

Lion
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